„Männertag“ einmal anders. Oder verändert das Alter wohl möglich manch liebgewordene Tradition? War es in früheren Jahren eine Pflicht mit Pferdestärken den blonden Gerstensaft durch die Landschaft ziehen zu lassen und den armen Pferden durch ständige innere Selbstbewässerung die Last zu mindern, so spielten wir in diesem Jahr mal selbst die Zugpferde. Per Drahtesel ging es den Mittleren Rhein hoch und herunter.

Unser Quartier hatten wir beim Schinderhannes, eine nette Pension mit freundlich-lustigem Wirt, im kleinen Städtchen Boppard aufgeschlagen. Das einstige römische Militärlager liegt direkt am Fluss und punktet mit seiner reizenden Rheinpromenade und den zahlreichen Lokalen. Hier ist immer etwas los und die Bordsteine werden nicht schon am frühen Abend hoch geklappt.
Wir nutzten den Nachmittag nach unserer Ankunft um uns einen ersten Überblick zu verschaffen. Bequem ging es mit dem Sessellift zum Hirschkopf auf 240m hinauf. Oben am Gedeonseck genossen wir den Blick auf die große Rheinschleife mit den zahlreichen Schiffen. Ein Stück weiter glaubt man vier Seen zu erblicken, aber das alte Schlitzohr Vater Rhein versteckt sich teilweise nur hinter einigen Bergen. Dennoch ein sehenswerter Blick.

Leider wurde der wenig später getrübt, denn ein Gewitter ging plötzlich nieder. Wie vom Blitz getroffen, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. Hatte ich nicht kurz vorher ein Hinweisschild am Lift gesehen, auf dem aufmerksam gemacht wurde, dass der Lift bei Petrus-Grollen „out of order“ sei. Auf Nachfrage in der Ausflugsgaststätte bestätigte uns eine nette Kellnerin leider diese Tatsache. Es sei aber alles kein Problem, denn sie würde einige Taxen rufen. Man glaubt es nicht, aber 20 Minuten später wurden alle Gäste gut gelaunt gen Tal chauffiert. Wäre das in Thüringen oder der Sächsischen Schweiz passiert, nass wie die Pudel hätten wir per pedes talwärts traben müssen. Das ist noch immer der kleine Unterschied zwischen „Vatertag West und Männertag Ost“…

Das Mittelrheinische Schiefergebirge ist wohl der romantischste Teil am Rhein. Mit unseren Rädern fuhren wir Richtung Bingen vorbei an den Weindörfern St. Goarshausen und St. Goar.
Auf einmal war sie da die sagenumwogene Loreley mit ihren Sandbänken und den gefürchteten Strudeln. Wir waren verwundert, hofften wir doch auf den lieblichen Gesang der Sirenen, der in früherer Zeit so manchen Bootsmann anzog wie ein Magnet das Eisen.

Die Seeleute waren dadurch so verwirrt, dass sie die „Wirbelei“, pardon Loreley, und deren Gefahren einfach vergaßen. Der Dichter Brentano schuf ein blondes Fabelwesen, die dem eher unspektakulären Fels im Fluss zum Mythos machte. Und Heinrich Heine setzte noch eins drauf, indem er die Blonde mit einem goldenen Kamm ausstattete und sich ihr goldenes Haar, oben auf dem Felsen sitzend, kämmen lies. Man hält es nicht für möglich, was ein Hirngespinst eines Dichters so alles anzurichten vermag: Pathos, Legende und auch Kitsch – offenbar gut für Touristen und die von ihnen leben…
Wir hatten an diesem Tag keinen Wind und konnten somit das Echo nicht vernehmen. An dieser Stelle ist Vater Rhein sehr schmal – wohl nur 113m breit, aber dafür bis 25m tief. Unzählige Wohnmobile säumten den Rhein gegenüber dem Felsen und hofften vielleicht von der Schönen mit dem lockigen Haar betört zu werden. Als wir weiter zogen, klopfte mir ein alter grauhaariger Mann auf die Schulter und sang: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin. Ein Märchen aus alten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn…“
Märchenhaft steht ein Stück weiter bei Kaub die Burg Pfalz mitten im Fluss. Sie diente einst als Zollwache auf dem Handelsweg Rhein und füllte die Geldsäcke der Burgenbesitzer. Vom Wasser aus gleicht sie einem schwimmenden Schlachtschiff und ist wohl eine der meist abgelichteten Burgen.

In Bingen erwartete uns neben dem Mäuseturm – der hartherzige Bischof Hatto II soll der Sage nach hier von Mäusen aufgefressen worden sein, weil er die bettelnden Armen in eine Scheune einsperren und diese dann anzünden lies – eine tolle Vatertagsfeier. Wir fanden noch ein freies Plätzchen und genossen bei guter Stimmungsmusik Bier und Bratwürste. Gut gelaunt machten wir uns abends auf den Rückweg.

Nach der 88km-Einstiegstour ging es am nächsten Morgen nach Koblenz. Wie überall hier sind die Radwege gut ausgebaut und überaus leicht zu befahren. Es macht einfach Spaß, den Rhein mit seinen vielen Schiffen vorbei an feinen Fachwerkhäusern entlang zu radeln. Wer seinen „Tank“ auffüllen muss, hat in den zahlreichen Kaffes und Restaurants dazu oft Gelegenheit. Die gibt es auch für das Auge, denn in keiner anderen Ecke Deutschlands sind so viele Burgen aneinander gereiht wir eben hier.

Nach der angenehmen Stille des Radweges war in der über 2000 Jahre alten Stadt Koblenz die Hölle los. Bus an Bus, oft mit den fleißigsten Fotografen der Welt besetzt, versperrten uns den Weg zum Deutschen Eck. Offenbar haben die Japaner Koblenz fest im Griff. Wir kämpften uns durch und genossen den Zusammenfluss von Rhein und Mosel.

Die Stadt an sich ist sehenswert und bietet jede Menge Geschichte & Kultur. Aber auch der Mensch hat Bedürfnisse und so folgten wir am späten Nachmittag dem Rat vom Schinderhannes-Wirt in Boppard. Der hatte uns das „Alten Brauhaus“ wärmstens ans Herz gelegt und damit ins Schwarze getroffen.
Am letzten Tag verstauten wir unsere Räder und fuhren mit dem Auto nach Cochem, das an einer Flussschleife zwischen Eifel und Hunsrück liegt. Wir genossen den Blick von der Brücke auf die Reichsburg und die liebevoll restaurierten Fachwerkhäuser.

Die engen winkligen Gassen mit ihren zahlreichen Geschäften luden zu einem Bummel ein. Gastronomisch kann man sich hier verwöhnen lassen; wir nahmen in einem Restaurant an der Moselpromenade Platz und genossen unseren letzten Tag. Im Gespräch kamen wir auf beide Flüsse zu sprechen. Kann man die Mosel und Vater Rhein eigentlich vergleichen? Wir glauben, der alte Spruch: „Lieber ‘ne Flasche Moselwein als ein Glas Rheinwasser” gibt darauf wohl die beste Antwort…